Interview mit Tobias Petri, Betreiber der Spiritus Bar

Tobias Petri, Betreiber der Spiritus Bar in Mainz

© Diana Walaszek

Die Corona-Pandemie ist für die globale Gesellschaft ein Schock und eine große Herausforderung. Manche Unternehmen haben zwar Glück und profitieren aus der plötzlich aufgetretenen Krise, aber die meisten sind unverschuldet und einigermaßen hilflos mindestens in die Nähe der Insolvenz geschleudert worden. Die Veranstaltungsbranche und viele weitere Teile der Kreativwirtschaft sind besonders betroffen, da es für diese Geschäftsmodelle oft notwendig ist, sich mit anderen zu treffen und in Kontakt zu kommen – und genau dies ist jetzt nicht möglich. Für eine kreative und junge Stadt wie Mainz ist diese Branche überlebenswichtig, daher soll nun ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kultur- und Kreativszene zeigen, wie die Mainzer Veranstalter, Künstler und Gastronomen mit der Pandemie umgehen und den neuen Widrigkeiten trotzen. Dafür hat sich unser Gastautor Moritz Eisenach in seinem Netzwerk umgeschaut, das aus seiner langjährigen Tätigkeit als Konzertveranstalter in Mainz resultiert. In einem ausführlichen Gespräch erzählt der Barbetreiber Tobias Petri von seinem Jahr 2020.

Moritz Eisenach: Tobias, du bist der Inhaber der Spiritus Cocktailbar in der Mainzer Altstadt. Seit Jahren sammelt deine Bar Preise und Auszeichnungen, ganz zu schweigen vom überaus guten Besuch der Mainzer – wie hast du diesen Erfolg möglich gemacht?

Tobias Petri: Ich folge der Philosophie, dass Erfolge nie auf einen einzelnen Menschen zurückzuführen sind. Nicht nur in der Gastronomie geht es immer um optimale Teamleistungen. Das „Spiritus“ hat seinen Erfolg vielen Menschen zu verdanken. Wir haben interessante kreative Geschäftspartner, ungewöhnliche Lieferanten und findige Berater, die alle auf ihre Weise dazu beitragen, dass unsere Bar so gut läuft. Auch das Bar-Team verbessert sich durch regelmäßige Weiterbildung auf Cocktailmessen, Workshops oder den internen Austausch laufend selbst. Natürlich spielen da auch Ehrgeiz, Fleiß und Hartnäckigkeit eine Rolle, genauso wie ich als Chef mit gutem Beispiel vorangehen muss. Aber wenn diese Einstellung und das Netzwerk vorhanden sind, kommen Auszeichnungen wie die Topbewertungen im „Falstaff“-Magazin oder die dreimalige Auszeichnung als beste Bar in Wiesbaden und Mainz vom Journal Frankfurt von 2019 bis 2021 fast wie von allein. Mir persönlich ist das direkte Feedback der Gäste ohnehin am wichtigsten.

Moritz Eisenach: Allein die Auswahl einer Bar für die Abendgestaltung ist ja schon eine Art Kompliment an diese Bar. Von euren Gästen bekommt ihr aber sicher auch persönliches Feedback, oder?

Tobias Petri: Wir können uns über die Besucher-Frequenz sicher nicht beklagen und allein das macht uns schon zufrieden und dankbar. Zusätzlich ist es einfach herrlich, welche Kommentare man hin und wieder bekommt. Manche Gäste fragen, ob wir ihnen von einem bestimmten Drink ein ganzes Fass produzieren und nach Hause liefern können. Andere bedanken sich für einen ‚wunderschönen Abend“ und wollen uns gern für zu Hause buchen. Das ist ein beachtliches Lob! Wenn man bedenkt, wie heilig das eigene Heim für die Menschen ist, eine intime und verletzliche Schutzzone – dorthin eingeladen zu werden, ehrt uns besonders.

Moritz Eisenach: Ein Hausbesuch vom Bartender, das wäre doch eine Überlegung wert…

Tobias Petri: Ja, klar. Man kann uns für Geburtstage, Hochzeiten, andere Events oder einfach nur so buchen.

Tobias Petri (Zur Person)

Tobias Petri ist vor fast zehn Jahren als Quereinsteiger aus der IT-Branche zu seiner Leidenschaft, der Gastronomie, gekommen. In der kleinen der Bar „Saloon 5“ arbeitete er sich hoch, bildete sich weiter und wurde allmählich zur absoluten Kompetenz in Sachen Drinks und Barkonzepte. Der „Saloon 5“ wurde unter seiner Leitung zum „Spiritus“, wo man ein Konzept anbietet, das es so in Mainz kein zweites Mal gibt. Hier gibt es keine feste Karte, sondern immer genau den Drink, der gerade zu der Person und dem Moment passt – umfangreiches Fachwissen, exzellentes Handwerk und individuelle Beratung machen das möglich.

“Aus einzelnen guten Ideen entsteht oft sehr viel.”

Moritz Eisenach: Du scheinst dein ganzes Herzblut in deine Bar zu legen und einen gewitzten Unternehmergeist zu haben. Da gibst du dich sicher nicht mit einer gut laufenden Bar zufrieden, oder? Welche Pläne hattest du zu Beginn dieses Jahres?

Tobias Petri: Von unseren konkreten Plänen möchte ich nicht zu viel preisgeben, bevor sie umgesetzt werden. Aber klar, wir haben grundsätzlich den Anspruch zu wachsen und wollen die Marke „Spiritus“ stets schärfen und bekannter machen. Aus einzelnen guten Ideen entsteht oft sehr viel. Wie zum Beispiel das Neutorfest. Wir sind Mitveranstalter dieses Open-Air-Events mit Livebands und Foodtrucks, das jährlich auf der Straße vor unseren Läden stattfindet. Anfangs fanden wir einfach die temporär vergrößerte Verkaufsfläche und die wachsende Bekanntheit unserer Bar interessant. Letzten Endes haben wir durch das Neutorfest den Weg ins Catering- und Event-Business gefunden, konnten also unser Geschäftsmodell strukturell erweitern. Und von diesen einzelnen Ideen haben wir noch viele weitere – mal schauen, wann wir ihre Qualität und Nachhaltigkeit ausprobieren können.

Moritz Eisenach: Hiermit sind wir beim Thema Corona-Pandemie. Vermutlich kam alles ganz anders als geplant, richtig?

Tobias Petri: Ja. Das Virus hat alles über den Haufen geworfen. Das Neutorfest konnte unter diesen Umständen nicht genehmigt werden und auch sonst lief eigentlich nichts so, wie wir es geplant hatten – aber damit sind wir ja nicht allein.

Moritz Eisenach: Das ist wirklich eine allumfassende Zäsur. Mich interessieren auch deine persönlichen Gedanken. Kannst du dich noch daran erinnern, wo du warst, als der erste Shutdown Mitte März verkündet wurde?

Tobias Petri: Das hat uns mitten in der Frühjahrsproduktion und den Briefings für die neuen Mitarbeiter für die Veranstaltungsgeschäfte erwischt.

“Wenn mir das jemand ein Jahr vorher erzählt hätte, hätte ich ihn schallend ausgelacht.”

Moritz Eisenach: Wie war deine Reaktion?

Tobias Petri: Das war schockierend und hat mich auch emotional berührt. Anfangs war ich fast ein bisschen ungläubig und dachte, dass das alles gar nicht wahr nicht sein könne. Die Situation stellte sich so unwirklich dar, oder mindestens beispiellos. Wenn mir das jemand ein Jahr vorher erzählt hätte, hätte ich ihn schallend ausgelacht. Aber sehr schnell musste man sich eingestehen, dass das keine Fiktion ist, sondern wirklich geschieht. Früher hatten viele ein Klischee im Kopf von den übervorsichtigen Asiaten mit ihren Masken, heute ist das Tragen eines Atemschutzes Normalität. Offenbar waren uns die Menschen in Asien voraus.

Moritz Eisenach: Was hast du anschließend unternommen, um deine Situation zu verbessern?

Tobias Petri: Sehr viel. In der Zeit des ersten Lockdowns haben wir unser Konzept fundamental umgestellt, um uns an die neue Situation anzupassen. Dazu gehörte eine ganze Reihe von Änderungen. Das angepasste Drink-Konzept mit saisonalen Punshes und den to-go-Angeboten im Barkiosk war da nur der Anfang. Dazu kamen die Programmänderungen. Wir hatten diverse Tastings und Cocktailkurse angesetzt und mussten den Gästen die Absage mitteilen und Regelungen für Alternativtermine finden.

Im Rückblick war diese Phase von einer großen kreativen Energie geprägt, weil man sich im Handumdrehen auf eine komplett neue Marktsituation einstellen musste – und das am besten mit konstruktiven und teilweise improvisierten Maßnahmen. Die ganzen Gutschein-Aktionen waren so eine Sache, das hat uns einen richtigen Schub gegeben, wofür wir unseren Gästen sehr dankbar sind.

Im Sommer kam dann die dankenswerterweise sehr unkomplizierte Genehmigung der Stadt Mainz für einen bestuhlten Außenbereich zustande – das hat uns sehr geholfen. Auch die Konzertreihe „Fenster zum Hof“, bei der wir mitmachen konnten, hat unerwartete Umsätze eingebracht. Daneben hatten wir viel Recherche zu betreiben, um beim Stand der staatlichen Unterstützungsprogramme informiert zu bleiben. Und natürlich musste ein Hygiene-Konzept erstellt und unseren Mitarbeitern vermittelt werden.

Moritz Eisenach: Das Hygienekonzept finde ich sehr interessant, darüber wird momentan wieder viel diskutiert. Kannst du das mal beschreiben? Wie habt ihr die Sicherheit eurer Gäste vor Infektionen gewährleistet?

Tobias Petri: Das baut im Prinzip auf den allgemeinen AHA-Regeln auf. Wir haben Spender für die Handdesinfektion an den wichtigen Positionen bereitgestellt und sichergestellt, dass das jeder Gast auch benutzt, haben sämtliche Kontaktdaten gesammelt, haben alle Sitz- und Tischflächen nach der Nutzung desinfiziert, stets Masken oder Gesichtsvisiere getragen, die Toilettennutzung eng begrenzt und planbare Zeitslots bei der Reservierung eingeführt.

“Das wichtigste dabei sind die Gäste, denn jedes Konzept ist nur so gut wie diejenigen, die es umsetzen müssen.”

Moritz Eisenach: Wie gut hat das funktioniert?

Tobias Petri: Ich denke, wir hatten die Lage damit gut im Griff, es gab jedenfalls keinen Anruf vom Gesundheitsamt. Das wichtigste dabei sind die Gäste, denn jedes Konzept ist nur so gut wie diejenigen, die es umsetzen müssen. Hier haben sich die große Hilfsbereitschaft, die verständnisvolle Solidarität, die Umsicht und der Zusammenhalt unserer Gäste gezeigt. Ich muss sagen, dass wir unser Geschäftsjahr sicher deutlich schlechter abschließen müssten, wenn wir nicht so coole Leute bei uns zu Gast gehabt hätten. Dafür bin ich sehr dankbar!

Moritz Eisenach: Jetzt befinden wir uns im zweiten Lockdown, der sich zwar insgesamt etwas sanfter darstellt, der aber ausgerechnet für deine Branche sehr strikte Regeln beinhaltet. Deine Bar musste wieder geschlossen werden. Wie stehst du dazu?

Tobias Petri: Da bin ich etwas zwiegespalten. Das Ziel der Eindämmung finde ich unstrittig und richtig, denn nur mit niedrigeren Zahlen können wir die Verbreitung des Virus´ kontrollieren. Was die Maßnahmen angeht, nehme ich eine gewisse Skepsis über die Form des Lockdowns wahr. Wenn man manche Branchen schließt und andere nicht, spaltet man die Gesellschaft und es entstehen Neid und das Gefühl der Ungerechtigkeit. Mir wäre daher ein vollständiger strikter Lockdown lieber, da dieser sicher deutlich kürzer andauern würde und es keine Ungleichbehandlung gäbe. Die umfangreichen Hilfsprogramme für die betroffenen Branchen wirken aber für antragberechtigte Unternehmen sicher beruhigend.

Moritz Eisenach: Insgesamt hattest du ganz offensichtlich ein anstrengendes Jahr mit vielen kurzfristigen Entwicklungen, die strategische Planungsmöglichkeiten praktisch verhinderten. Ich finde es um so beeindruckender, dass du deine Bar am Leben gehalten hast und, wie es zwischen den Zeilen durchscheint, auch ganz sicher nicht aufgeben wirst. Woher nimmst du deine Kraft und diesen Optimismus?

Tobias Petri: Optimismus sehe ich als DIE Grundvoraussetzung für einen Unternehmer an. Mir hilft außerdem die Gewissheit, dass unser klassisches und überzeugendes Barkonzept funktioniert und sicher wieder laufen wird, wenn wir wieder öffnen können.

Moritz Eisenach: Aktuell gilt der zweite Lockdown bis Anfang Januar. Glaubst du daran, dass die Besucher dann wieder in deine Bar kommen können?

Tobias Petri: Nein, das wird leider noch länger dauern.

Moritz Eisenach: Wie stellst du dir die Zeit danach vor? Kannst du an deine Pläne vom Anfang dieses Jahres anknüpfen?

Tobias Petri: Ich habe meine Pläne alle noch in der Schublade, die sind nicht verworfen, sondern nur auf Eis gelegt. Ich war vor Corona überzeugt davon, dass das alles gute Ideen und Pläne sind und sofern es ein „Danach“ gibt, das dem „Davor“ noch ähnelt, wäre es sehr unklug, die Vorhaben nicht weiter zu verfolgen.

Moritz Eisenach: Man darf also gespannt sein. Freut mich, dass wir noch viel vom „Spiritus“ erwarten können. Welchen Rat kannst du anderen vielleicht unerfahreneren Gastronomen geben, wie sie mit der Situation umgehen können?

Tobias Petri: Brutto ist nicht gleich Netto (lacht). Aber im Ernst: Diese Krise ist noch lange nicht durchstanden, deswegen kann ich zwar sagen, dass es für das „Spiritus“ bis hierhin ganz gut geklappt hat. Aber wie man dadurch kommt, kann jetzt noch niemand wissen. Den Optimismus und den Ehrgeiz sollte man nie über Bord werfen und man sollte darauf vertrauen, dass ein gutes Konzept auch nach einer Krise ein gutes Konzept sein wird.

Weitere Infos rund um das Thema Corona gibt es auf sparkasse-mainz.de/corona.