Derzeit sorgen heftige Währungsturbulenzen in der Türkei und die Furcht vor einer Ausbreitung der Krise auf die europäischen und globalen Märkte für starke Verunsicherung bei Anlegern. Janis Hübner, Experte für Emerging Markets der DekaBank, ordnet die aktuelle Lage für unsere Leser ein.

Sparkasse Mainz: Herr Hübner, für Beobachter der Entwicklung am Bosporus kommt die akute Krise nicht ganz überraschend. Woher kommt die Verunsicherung?

Janis Hübner: Fehlendes Vertrauen der Investoren in die türkische Geldpolitik ist aktuell der Hauptgrund für die deutliche Abwertung der Lira. Dieses Vertrauen der internationalen Investoren wurde in den vergangenen Monaten durch eine Reihe von Maßnahmen und Äußerungen der türkischen Regierung erschüttert, die im Kern die Verlässlichkeit rechtsstaatlicher Verfahren in Zweifel zogen. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ist, dass die Unabhängigkeit der Notenbank von Präsident Erdogan offen in Frage gestellt wird. Die Geldpolitik hat damit ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verspielt. Die Verhängung von Sanktionen gegen zwei türkische Minister sowie von Strafzöllen durch USA haben die Währungskrise schließlich ausgelöst, sie waren aber, bildlich gesprochen, nur der Funke am Pulverfass. Durch die Eskalation des diplomatischen Streits um einen in der Türkei inhaftierten US-Staatsbürger zum Wirtschaftskonflikt ist inzwischen sogar die strategische Partnerschaft der USA mit der Türkei schwer beschädigt. Das hat weitreichende Folgen.

Sparkasse Mainz: Von den politischen Schäden dieser Entwicklung abgesehen, was droht als konkrete wirtschaftliche Konsequenz der Lage?

Janis Hübner: Die Währungskrise dürfte zu vermehrten Unternehmensinsolvenzen in Türkei führen, da viele Unternehmen in US-Dollar verschuldet sind und deren Kredite sich nun dramatisch verteuert haben. Setzt sich der Abwärtstrend der Lira fort, werden viele dieser Unternehmen ihre Fremdwährungskredite  nicht mehr bedienen können. Steigende Kreditausfälle für die türkischen Banken wären die Folge. Lediglich die türkischen Staatsschulden bieten noch keinen Anlass zu Sorge. Sie belaufen sich auf moderate 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sodass der Schuldendienst auch bei einer Verschlechterung der Finanzierungsbedienungen tragbar wäre. Aufgrund der hohen Unsicherheit werden internationale Kreditgeber gegenüber der Türkei vorsichtiger, dadurch droht vor allem für Unternehmen und Banken ein Kreditengpass. Die türkischen Auslandsschulden, die innerhalb eines Jahres fällig werden, beliefen sich im Mai auf rund 180 Mrd. US-Dollar. Dem stehen Währungsreserven in Höhe von 80 Mrd. US-Dollar gegenüber. Verliert die Türkei den Zugang zu internationalen Finanzierungen, wäre sie auf andere Finanzierungsquellen angewiesen. Für solche Fälle steht der Internationale Währungsfonds bereit, der seine Hilfen jedoch an harte Auflagen knüpft, die dem von Erdogan verfolgten Wirtschaftsmodell diametral entgegenstehen. Zahlungsausfälle auf internationale Kredite würden die Türkei über Jahre vom internationalen Finanzmarkt abschneiden und zu einer tiefen Rezession führen.

Sparkasse Mainz: Angenommen, die türkische Zentralbank könnte unabhängig von politischem Einfluss agieren: Welche Mittel stünden ihr zur Krisenbekämpfung zur Verfügung?

Janis Hübner: Vor allem Leitzinserhöhungen und Maßnahmen zur Abkühlung der Wirtschaft könnten die Währung stabilisieren und damit auch verlorenes Vertrauen der Investoren wieder zurückgewinnen. Die Flucht ausländischen Kapitals aus der Türkei könnte damit verlangsamt und bestenfalls gestoppt werden. Genau diese nötige Abkühlung Wirtschaft möchte die türkische Regierung aber vermeiden und riskiert für deren kurzfristige Abwehr eine länger anhaltende und tiefgehende Wirtschaftskrise.

Sparkasse Mainz: Gibt es etwas, dass Anleger mit Blick auf die Lira-Krise jetzt besonders im Blick behalten sollten?

Janis Hübner: Anleger sollten mit kurzfristigen Reaktionen nichts übereilen, aber die Entwicklung in der Türkei muss mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt werden, um gegebenenfalls zu reagieren. Insgesamt muss man Sparern aber immer dazu raten, bei der Entwicklung ihrer persönlichen Anlagestrategie von Anfang an Aspekte des Risikomanagements ausreichend zu berücksichtigen. Anlagen in Wertpapieren bieten zwar die Aussicht auf attraktive Renditen. Es kann bei ihnen aber auch immer wieder zu deutlichen Kursrückgängen kommen. Deshalb müssen die Aufteilung des Sparvermögens auf die verschiedenen Anlageklassen sowie der Anlagehorizont zur individuellen Risikobereitschaft und auch zur objektiven Risikotragfähigkeit passen. Diese Strategie können Anleger am besten mit ihrem Berater gemeinsam entwickeln.

Herr Hübner, vielen Dank für das Interview!