Inside Musikmaschine – Was die Pandemie für Konzertmanager verändert

Inside Musikmaschine

Es war einmal ein Tag im November 2019

Während es draußen kaum Überraschungen gibt, sich das nasskalte diesige Wetter ausbreitet und Mainz in die typische präweihnachtliche Verschnupftheit verfällt, herrscht in der Agentur hektische Betriebsamkeit – positiver Stress voller sich überschlagender Ereignisse.

Kassettendeck 2019 | Foto von Moritz Eisenach

Es steht viel an. Jeden Montag findet seit September ein „Klein Aber Schick“-Konzert in der Kulturlounge „Schick & Schön“ statt, dazu monatlich das Special an einem Donnerstag. Außerdem freut sich das Team auf das „Kassettendeck“-Konzert kommenden Freitag in der Altmünsterkirche und das „me and all“-Hotel hat am Vortag das Promo-Paket für die anstehenden Wohnzimmer-Konzerte in der Hotellounge angefragt. Im Telefonat mit der Projektmanagerin ist eine über die Stadt Mainz hinausgehende Partnerschaft im Booking angedeutet und vorbesprochen worden. „Notiz: Meeting forcieren für die kommende Woche, um den Auftrag an Land zu ziehen“, wird in den Texteditor gekritzelt. Vorher muss noch das kürzlich gestaltete Auftragsevent abgerechnet und die GEMA-Anmeldung für den kommenden Monat abgegeben werden. Heute muss das Mittagessen ausfallen, denn für die langfristigen Pläne findet um halb eins ein Sponsoren-Termin statt. Anschließend erwartet das Mainzer Stadtmarketing ein Konzept und Angebot für das Sommerevent am Rhein. Zudem werden die Anmeldeunterlagen für das Neutorfest im Mai bald fällig, damit die Verwaltung ausreichend Vorlauf für die Bearbeitung der Genehmigung hat. Der Newsletter mit den Dezember-Terminen muss bald verschickt werden und schon heute wirft die neue Idee einer „Musikmesse Rheinland-Pfalz“ ihre Schatten voraus. Ein Jahr Vorlauf ist für ein solches Projekt wenig – aber das Feedback der Ansprechpartnerin im „Digital Gutenberg Hub“ sehr positiv. Während also am Laptop – immer wieder unterbrochen von Anrufen – an der Projektbeschreibung gebastelt wird, läuft auf dem second screen die Playlist mit den Bandbewerbungen der letzten Woche. Hier ist der Anspruch, allen Bewerbern zu antworten. Die Mission ist weiterhin der Support für die Musiker und ihnen Konzerte zu organisieren. Plötzlich stoppt die Musik, ein privater Anruf verhindert das Abspielen. „Wo bist du denn?! Das Abendessen steht auf dem Tisch!“, wird gefragt. Der Tag ist schon wieder vorüber und man hat längst nicht alles erledigt, kaum mehr als die dringendsten Jobs.

So stellte sich ein normaler Tag im November dar – im Jahr 2019. Es gab viele Anrufe, die meisten davon wichtig und fast alle Anliegen waren dringlich. Es war eine bewegte und schöne Zeit. Die Tage waren durchdrungen von positiver Energie. Es gab konstruktiven Gespräche und die Abende warteten mit Veranstaltungen auf. Die Aussicht auf 2020 war durchaus positiv. Es war kaum ein Sommerwochenende ohne mindestens zwei Optionen im Kalender. Die Intensivierung und Erweiterung von laufenden Partnerschaften bahnte sich an. Neue große Formate wurden konkretisiert, das Netzwerk wuchs und dynamisierte sich. Und die reine Anzahl der geplanten Konzerte, der wichtigste Indikator für den Erfolg der Agentur, näherte sich absehbar einem Höchststand. Wichtig war es vor allem, den Überblick zu behalten. Dabei Prioritäten zu setzen und das Abendessen nicht auch noch zu vergessen, wenn man schon mittags keinen Happen zu sich genommen hatte. Nach Jahren harter Arbeit in der Konzertbranche gestaltete sich die Perspektive erstmals so, dass man mehr Aufträge und Ideen als mögliche Termine in der Pipeline und somit die Qual der Wahl hatte. Die Vorfreude war groß.

Ein Novembertag in 2020

Ein Jahr später bietet der Rückblick eine völlig andere Situation als die erwartete. Inzwischen hat ein Virus die Welt überzogen mit einer tückischen Krankheit, die leider ausgerechnet die schönsten Momente in unserem Alltag zu den gefährlichsten macht. Die Agentur hat ihre Räumlichkeiten aufgegeben, um Kosten zu sparen, der Laptop steht nunmehr auf dem heimischen Essenstisch. Gegen halb elf kommt der erste Anruf an diesem Tag im November 2020 rein. Es handelt sich um das Angebot eines eifrigen Vertrieblers, der eine Unzahl überaus praktischer Online-Tools für die Agentur anpreist. Und tatsächlich hört man sich das kurz an, bevor man dankend ablehnt.

Im Postfach ploppen inzwischen Spam-Mails auf, in denen Lüftungsanlagen, Masken oder besonders funktionstüchtige Schnelltests angeboten werden. Konzerte gibt es keine. Die Tätigkeit reduziert sich auf das Wahrnehmen von Medienterminen, die auf die prekäre Lage der gesamten Branche hinweisen. Damit wird die intensive Lektüre der diversen Unterstützungsprogramme für Kultur- und Kreativunternehmen unterbrochen, die man immer in der Hoffnung unternimmt, nicht durch das Raster der Antragskriterien zu fallen. Immerhin: Bandbewerbungen kommen immer noch, die Musik ist also noch nicht aus.

Die Stimmung kann bestenfalls als zweckoptimistisch bezeichnet werden. Denn man hatte viele Ideen und Pläne. Die sind zwar auch weiterhin nicht umsetzbar, aber verfügbar, sobald wieder Veranstaltungen angeboten werden können. Auch die Hoffnung auf den Impfstoff, die sich abwechselt mit der Skepsis wegen des irrsinnigen Tempos seiner Entwicklung, wird zur Zuversicht instrumentalisiert. Denn schwer wiegt die Ohnmacht der unverschuldeten Hilfsbedürftigkeit. Frust und Bedauern machen sich breit, weil man es nicht selbst in der Hand hat, wie und wann sich der Ausweg auftut. Was also tun?

“Nicht die äußere Situation ist der maßgebliche Faktor, sondern die innere Haltung dazu.”

Ein Rückblick in den Verlauf des Jahres 2020 bringt tatsächlich Hoffnung. Er zeigt, dass Bedauern und Frust nicht helfen, sondern dass Aktivität und Kreativität die Faktoren sind, die in einer solchen Krise für Vorschub sorgen. Seien es die Gutschein-Aktionen im ersten Lockdown, die Online-Konzerte im „Fenster zum Hof“-Format oder dessen Fortführung unter freiem Himmel im Innenhof des Landesmuseums: Livemusik war möglich in diesem Jahr der Pandemie und sie war wunderschön, fast noch schöner als sonst, wegen ihrer Seltenheit. Wenn aus dieser Aktivität Sichtbarkeit entsteht, Einladungen und Zuspruch erfolgen und schlussendlich Förderungen und Unterstützung ankommen, fühlt man zunächst Dankbarkeit, dann Bestätigung und Inspiration. In der Rekapitulation wird sichtbar, wie unterschiedlich im Netzwerk auf die Krise reagiert wurde. Und weil man aktiv und erfolgreich war, kann man gestärkt daraus hervorgehen, auch wenn man aktuell zur Untätigkeit verdonnert ist.

Die Agentur befindet sich in diesem November 2020 in einer Art Winterschlaf. Sie hält inne und befördert sich gedanklich weg von den Durchhalteparolen; hin zum Paradigmenwechsel. Nicht die äußere Situation ist der maßgebliche Faktor, sondern die innere Haltung dazu. Nur, wer fähig und in der Lage ist, angesichts dieser katastrophalen Lage nicht die Positivität und den Sinn für Solidarität zu verlieren, wird einen Ausweg finden.

Es geht nur durch Agilität weiter, die Agentur hat sich angepasst und wird auf gewisse Weise entschlackt und gereinigt aus der Krise herauskommen. Schon jetzt ist an geplante Vorhaben angeknüpft und sind Fäden wieder aufgenommen worden. Und schon jetzt hat sich das neue Paradigma, die Orientierung an der eigenen Überzeugung, an Flexibilität und an Effizienz, etabliert. Durch dieses außergewöhnliche und schlimme Jahr haben sich neue Verbindungen aufgetan und wurden neue Projekte angestoßen, die ohne das Virus nicht entstanden wären. Gute und schlechte Kontakte haben sich auseinanderdividiert. Überraschend klingelt an diesem Tag doch noch einmal das Telefon. Der Hauptsponsor ist dran und verkündet, dass das Budget trotz der Unmöglichkeit der adäquaten Gegenleistung beibehalten wird. Und weil außerdem immer noch Bandbewerbungen ankommen, ist klar: Die Musik ist aus – aber ist immer noch da.

Hintergrund

Die Corona-Pandemie ist für die globale Gesellschaft ein Schock und eine große Herausforderung. Manche Unternehmen haben zwar Glück und profitieren aus der plötzlich aufgetretenen Krise, aber die meisten sind unverschuldet und einigermaßen hilflos mindestens in die Nähe der Insolvenz geschleudert worden. Die Veranstaltungsbranche und viele weitere Teile der Kreativwirtschaft sind besonders betroffen, da es für diese Geschäftsmodelle oft notwendig ist, sich mit anderen zu treffen und in Kontakt zu kommen. Und genau dies ist jetzt nicht möglich. Für eine kreative und junge Stadt wie Mainz ist diese Branche überlebenswichtig. Daher soll nun ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kultur- und Kreativszene zeigen, wie die Mainzer Veranstalter, Künstler und Gastronomen mit der Pandemie umgehen und den neuen Widrigkeiten trotzen. Dafür ist unser Gastautor und Geschäftsführer der Mainzer Konzertagentur „Musikmaschine“, Moritz Eisenach, in sich gegangen, hat seinen Kalender und sein Postfach rekapituliert und eine Reportage über den Agenturalltag in grundverschiedenen Zeiten verfasst.

Im ersten Teil aus unserer Reihe sprach unser Gastautor, Moritz Eisenach mit Tobias Petri, Besitzer der Spiritusbar, über dessen Erfahrungen mit den Folgen der Corona-Pandemie. Das ganze Interview können Sie in dem Beitrag lesen: Mainzer Kreativwirtschaft trotzt der Corona-Krise #1.