Adrenalin für die Musikszene

Was (fast) noch besser wirkt als der Kulturcampus

Die Stadt hat eine lebendige Musikszene. Diese Aussage wird in der Diskussion um den musikalischen Output einer beliebigen deutschen Großstadt fast inflationär bemüht – entweder als beruhigende Beschreibung des kreativen Status Quo, die dann herhält, um finanzielle oder strukturelle Förderung abzulehnen, oder als Faktenbasis des diametral gegenüberstehenden Arguments, das auf den Wert und die Bedeutung der Musikszene für weiche Standortfaktoren abstellt, um sich für eine bessere Unterstützung stark zu machen. Aber was soll das eigentlich genau heißen, „lebendige Musikszene“? Wie sieht die aus und welche Art der Unterstützung braucht sie eigentlich? Oder besteht da in Wirklichkeit gar kein Bedarf? Kann es vielleicht sogar sein, dass gerade der Aufbau einer strukturellen und dann logischerweise auch institutionellen Förderung das freiheitsliebende Dasein der „lebendigen Musikszene“ behindert und langfristig gar erstickt? Und was passiert mit einer lebendigen Musikszene und deren Unterstützern in einer Pandemie, zu deren Bekämpfung als erstes Gegenmittel nur die naturgemäß sehr kulturfeindlichen Lockdowns infrage kommen?

In der Landeshauptstadt Mainz stellt man sich die Frage nach der Musikszene, oder allgemeiner: nach den Bedürfnissen und Potenzialen der eigenen Kulturszene, schon seit Jahrzehnten, ohne so recht Antworten zu finden. Die mindestens ebenso lange formulierten Avancen, die kreative Schaffenskraft zu ermitteln und auf dem Weg in die Moderne zu kanalisieren, wurden im Mai 2016 endlich gezielt konkretisiert, indem die Kölner Kulturberatungsagentur Staccato für die Moderation des „Mainzer Kulturentwicklungsprozesses“ engagiert wurde.

Es mag riskant erscheinen, sich ergebnisoffen für die Belange der Kulturschaffenden seiner Kommune zu interessieren, vor allem für die Stadtkasse, aber mutlos wird man die Aufgabe, die eigene Kulturszene für die Zukunft auszustatten, nicht bewältigen können. Was die ersten Arbeitstreffen der Vertreter des Musikbereichs jedoch als Vision hervorbrachten, war allerdings nichts Geringeres als ein innerstädtischer „Kulturcampus“ mit großen und kleinen Probe- und Auftrittsräumen, die natürlich ebenso wie die Studios und Büros der Kreativwirtschaft mit umfänglichem Schallschutz ausgestattet sein müssten. Dazu erdachte sich die Arbeitsgruppe noch eine (Wein-)Gastronomie zur Refinanzierung, die zugehörigen Parkplätze und auch eine eigene Pressestelle zur gebündelten Kommunikation aller Veranstaltungen; gewünscht wird also quasi die Mainzer Elbphilharmonie, allenfalls ein großer Wurf.

Was allerdings neben dieser so ehrgeizigen wie kostspieligen Idee aus den Auftaktveranstaltungen entsprang, war die freie Initiative „Musikszene Mainz“, deren Mitinitiatorin Nora Weisbrod froh und dankbar war, in den Prozess eingebunden gewesen zu sein. „Für mich war das Spannende und Schöne an diesem Treffen, dass man Menschen aus verschiedenen Ecken der Szene wiedergetroffen hat. Einerseits hat es mich überrascht, dass ich doch recht viele der Anwesenden kannte. Andererseits war es aber regelrecht erstaunlich, wie wenige sich auf diesen Veranstaltungen untereinander kannten!“, berichtet Weisbrod. Das sei ein regelrechter Aha-Effekt gewesen – und letztlich die Geburtsstunde der Initiative. „Norbert Schön, dem Betreiber des Kulturclubs ‚Schon Schön‘, den ich dort traf, ist es genauso ergangen. Wir haben dann zusammen beschlossen, dass wir für das Entstehen eines Netzwerks doch eigentlich nicht die Stadtverwaltung brauchen sollten, sondern das auch selbst hinbekommen müssen.“

Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und eigene Aktivität scheinen zum Selbstverständnis der lebendigen Mainzer Musikszene zu gehören. Gleichzeitig waren sich die Akteure oft gegenseitig nicht bekannt. Ob das Indizien dafür sind, dass man sich in der Mainzer Szene nicht helfen lassen will oder ob sie zufällig aus einigen Einzelkämpfernaturen besteht, bleibt zunächst offen. Jedenfalls hat sich laut Weisbrod aufgrund der von der Stadt angestoßenen Treffen inzwischen ein Zusammenschluss von verschiedenen Institutionen, Veranstaltern und Musikern entwickelt, deren gemeinsames Ziel es sei, „der Musikszene aus Mainz eine Stimme zu geben.“ Das könnte sowohl der Introvertiertheit einzelner Kulturschaffender abhelfen als auch der Selbststimmung der Szene zuträglich sein.

Weisbrod macht selbst zwar keine Musik, „aber ich bin seit vielen Jahren immer wieder in die Organisation von Konzerten in Mainz involviert und interessiere mich sehr für Musik. So habe ich, sowohl ehrenamtlich als auch beruflich, seit vielen Jahren Erfahrungen sammeln können und dabei einiges gelernt.“ In diesem Kontext treffe man sehr viele Menschen aus der Musikszene, erprobe viele Vorgänge und erlebe prägende Situationen. „Während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Projektgruppe des Open Ohr Festival war es beispielsweise immer auch unser Anspruch, sich in der Szene der Heimatstadt zu vernetzen, weswegen wir viele Kooperationen gestartet haben, etwa die mit der Hochschule für Musik.“

„Musik ist eine Leidenschaft und Livemusik macht mir viel Freude – noch dazu in meiner Heimatstadt.“ Deswegen habe sie sich der Idee gewidmet, ein neues Netzwerk auf die Beine zu stellen. „Ich möchte gerne dazu beitragen, die Szene in Mainz hör- und sichtbarer zu machen“, nennt Weisbrod ihre persönlichen Beweggründe für ihr ehrenamtliches Engagement.

Vielleicht sind es diese Sehnsucht und dieser bunte Haufen, hinter denen sich das Geheimnis einer lebendigen Musikszene verbirgt? Womöglich geht es darum, Gegenpole zum Alltag der Vielen zu entdecken und zu schaffen? Unter Umständen stehen gerade das kreative Chaos und das Verschrobene der offenbar etwas eigenbrödlerischen Mainzer Kulturmacher sinnbildlich für eine lebendige Musikszene? Entsteht deren Energie und Schaffenskraft eventuell durch den Wunsch nach Unnützem im Sinne des Nicht-Pragmatischen? Geht es am Ende schlicht und ergreifend um die Begegnung mit Gleichgesinnten?

Für die Musikszene als Ganzes mag das alles zutreffen, aber Weisbrod und ihren Mitstreitern geht es auch um Effektivität. Trotz aller persönlicher Vorliebe und Leidenschaft, hebt die Mitgründerin der Initiative es als sehr wichtig hervor, „dass man sich nicht nur zum Zeitvertreib trifft, sondern strukturiert ein Image aufbaut, Ziele formuliert und all das auch nach außen kommuniziert.“ Das scheint gut zu funktionieren, die „musikszene mainz“ verfügt inzwischen über social-media-Profile und eine Homepage, auf der die Vorhaben auch klar angesprochen werden: Es soll die musikalische Vielfalt gefördert werden, „indem wir Menschen zusammenbringen und Orte schaffen, um Musik hör- und sichtbar zu machen und die Musikkultur in Mainz lebendig mitzugestalten.“ Außerdem will die Initiative als „Mediator zwischen Musikern und Veranstaltern (auch der Politik) agieren, um gemeinsam Musiker in Mainz zu unterstützen, die Musik in Mainz zu fördern und ihr ein Gesicht zu geben.“ Es sei bedauerlich, findet Weisbrod, dass „immer noch viele in der Gegend beim Stichwort Livemusik sofort an den Schlachthof denken – der aber nun mal nicht in Mainz liegt.“ Weil es aber auch auf der hiesigen Seite des Rheins viele Musiker, Interessierte und somit ganz allgemein eine lebendige Szene gebe, sei es eines der Ziele, auch die Musikszene in Mainz noch bekannter zu machen.

Hinter diesen Zielen versammeln sich immer mehr Akteure der Mainzer Szene. „Aufbauend auf dem ursprünglichen Verteiler des Kulturamts und angereichert mit unseren persönlichen Kontakten haben wir regelmäßige Treffen organisiert“, erzählt Weisbrod. Nach etwa zweijährigem Wirken sei inzwischen ein harter Kern von Mitmacher*innen entstanden, die laut der Mitgründerin stets offen für weiteren Zulauf sind. Selbstverständlich erhebe die Gruppe keinen „Anspruch auf Allwissenheit“ oder leiste sich gar eine falsche Exklusivität. „Wir wollen barrierefrei und offen bleiben“, sagt Weisbrod im Wissen, dass noch nicht sehr viele direkte Szenegrößen wie Livemusiker im Boot sind, sondern sich hier eher die bereits verfassten Gruppierungen und Institutionen tummeln. Dennoch findet sie es gut, einen harten Kern zu haben, der beim Erreichen der Ziele kontinuierlich arbeiten und die geplanten Projekte umsetzen könne. „Und wir hatten einiges in der Pipeline“, doch dann kam im März 2020 bekanntlich alles anders.

„Die Pandemie kam im Prinzip ein Jahr zu früh“, meint Weisbrod mit ein bisschen Sarkasmus in der Stimme. Denn das wichtigste Projekt der Initiative war erst in der Vorbereitung: die Vereinsgründung. Wäre die schon abgeschlossen, hätte die „musikszene mainz“ vermutlich schon Fördermitglieder und -gelder sammeln können und wäre womöglich eher in der Lage gewesen, den Musikern in der Stadt gerade in dieser schwierigen Zeit effektiv helfen zu können. „Leider lief es anders“, bedauert Weisbrod. „Da alle unsere Teilnehmer selbst sehr stark von Corona betroffen sind und sich in erster Linie um das eigene wirtschaftliche Überleben kümmern müssen, hängt die Initiative momentan arg in der Luft. Dennoch möchten wir nach diesem ersten schwierigen Jahr der Pandemie künftig wieder den Austausch pflegen und uns ein Bild von den Sorgen und Nöten der vielen betroffenen Musiker*innen und Veranstalter*innen machen“, so Weisbrod.

Hier ist der Nutzen der institutionellen und strukturellen Musikförderung unmittelbar erkennbar. Statt im eigenen Mikrokosmos strampeln zu müssen, hätten (nicht nur) die Mitglieder eines stabilen Lobbyvereins direkte Hilfen und Beratung angeboten bekommen. Das wäre ein fundamentaler Aspekt dabei gewesen, eine lebendige Musikszene am Leben zu halten.

Die Aktivitäten der Initiative hatten nämlich äußerst vital begonnen: „Direkt nach dem ersten grundsätzlichen Austausch kristallisierte sich heraus, dass alle Lust auf gemeinsame Aktionen haben“, berichtet Weisbrod und schwärmt von der ersten solchen Aktion: „Wir haben im Juni 2019 ein Kick-off-Konzert im ‚Schon Schön“ gemacht und es war ein toller Abend.“ Die Vielfalt der Mainzer Szene sei gezeigt worden: „Ein Chor, eine Rockabilly-Band, ein Streicherquartett und mehrere Jazzkombos spielten am selben Abend – und alles ist ineinander übergegangen“, so die Mitorganisatorin. Das sei die Idee gewesen und man sei mit diesem Experiment auch ein kleines Risiko eingegangen, denn dass das so gut glücken würde, habe man vorher nicht wissen können. Aber weil alle Beteiligten Profis seien, habe alles reibungslos funktioniert und es sei ein ganz besonderer Konzertabend geworden. „Auch die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse war sehr begeistert.“

Podiumsdiskussion zum Thema "Kultur" im Rahmen der Oberbürgermeisterwahl 2019

Podiumsdiskussion zum Thema “Kultur” im Rahmen der Oberbürgermeisterwahl 2019

Solche Events in eigener Sache sollen selbstverständlich Teil der Agenda bleiben, aber man will nicht nur um sich selbst kreisen. Deswegen hat die Initiative auch diskursive Events organisiert: Im Rahmen der Oberbürgermeisterwahl 2019 etwa wurde eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kultur“ angeboten, die „meines Wissens die einzige Veranstaltung war, an der wirklich alle fünf Kandidat*innen teilgenommen haben“, wie Weisbrod hervorhebt. Zudem war die Initiative bei der Auswahl des Mainzer „Nachtbürgermeisters“ als eine Art Jury eingesetzt, welche die Stadtverwaltung bei der Sichtung der Bewerbungen unterstützt und beraten hat. „Und wir haben begonnen die kulturpolitischen Sprecher einzelner Fraktionen einzuladen, damit man sich gegenseitig kennenlernt und über mögliche Zusammenarbeit zu sprechen“, so Weisbrod weiter.

Insgesamt ist es unbestritten aller Ehren wert, was die Ehrenamtler*innen da auf den Weg gebracht haben. Man

Podiumsdiskussion zum Thema "Kultur" im Rahmen der Oberbürgermeisterwahl 2019

Podiumsdiskussion zum Thema “Kultur” im Rahmen der Oberbürgermeisterwahl 2019

kann es sicher als Erfolg bewerten, dass die Initiative so schnell Kontakt zu den neuralgischen Punkten der Verwaltung und Politik aufgenommen hat, und – wie Weisbrod betont – auf dem Weg ist, „für Musiker ein Ansprechpartner zu werden, der auf ein gewisses Netzwerk zugreifen kann.“

Natürlich ist die Pandemie eine Zäsur. „Nun herrscht eine ganz andere Not, sodass sich die Probleme von vor der Krise fast wie ein Luxusproblem darstellen.“ Das lässt Weisbrod aber nicht als Ausrede gelten, sie will weiter dranbleiben und die Initiative mindestens auf das Vorkrisenniveau bringen. Sobald wieder Treffen stattfinden können, soll die Vereinsgründung abgeschlossen werden. Auch die wegen des Infektionsschutzes abgesagten Treffen mit den kulturpolitischen Sprechern werden nachgeholt. Und vielleicht, ja vielleicht kommt irgendwann auch wieder die Rede auf den Mainzer Kulturcampus. Der würde der lebendigen Musikszene von Mainz sehr helfen.

Zur Person

Nora Weisbrod

Nora Weisbrod

Nora Weisbrod (37) ist gebürtige Mainzerin und engagiert sich gerne in ihrer Heimatstadt. Sie hat Betriebswirtschaftslehre studiert und ist sowohl politisch als auch Kultur- und Musikinteressiert. In diesen Bereichen engagiert sie sich seit Jahren auch persönlich immer wieder.

Nora Weisbrod ist Mitgründerin und Geschäftsführende Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Aktion Tagwerk“ (www.aktion-tagwerk.de). Die Idee der Kampagne „Dein Tag für Afrika“ ist ganz einfach: Schülerinnen und Schüler gehen an einem Tag im Schuljahr anstatt zur Schule arbeiten und spenden ihren Lohn für Bildungsprojekte in verschiedenen afrikanischen Ländern. Somit setzen sich die Kinder und Jugendlichen in Deutschland aktiv für Gleichaltrige in Afrika ein. 2014 erhielt Nora Weisbrod für ihre Arbeit den Bambi.

Weisbrod war ebenfalls von 2009 – 2016 ehrenamtliches Mitglied in der Freien Projektgruppe des Open Ohr Festivals und u.a. für den Bereich Musik mitverantwortlich. Seit ihrer Geburt ist sie jedes Jahr zu Pfingsten auf dem OPEN OHR Festival, was sie stark mit ihrer Heimat verbindet.

Hintergrund

Die Corona-Pandemie ist für die globale Gesellschaft ein Schock und eine große Herausforderung. Manche Unternehmen haben zwar Glück und profitieren aus der plötzlich aufgetretenen Krise, aber die meisten sind unverschuldet und einigermaßen hilflos mindestens in die Nähe der Insolvenz geschleudert worden. Die Veranstaltungsbranche und viele weitere Teile der Kreativwirtschaft sind besonders betroffen, da es für diese Geschäftsmodelle oft notwendig ist, sich mit anderen zu treffen und in Kontakt zu kommen – und genau dies ist jetzt nicht möglich. Für eine kreative und junge Stadt wie Mainz ist diese Branche überlebenswichtig, daher soll nun ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kultur- und Kreativszene zeigen, wie die Mainzer Veranstalter, Künstler und Gastronomen mit der Pandemie umgehen und den neuen Widrigkeiten trotzen.

Im vierten Teil unserer Reihe beschäftigt sich unser Gastautor Moritz Eisenach mit dem soziokulturellen Phänomen der „lebendigen Musikszene“. Er ist als Geschäftsführer der Konzertagentur „Musikmaschine“ Teil der Mainzer Musikszene und macht sich im Gespräch mit der Mitgründerin einer neuen Lobbyinitiative für die hiesigen Akteure, Nora Weisbrod, Gedanken um den Zustand und die Zukunft der Szene. Im dritten Teil versuchte Eisenach im Gespräch mit drei vielversprechenden Musikertalenten Hanne Kah, LIN und Sinu aus der Landeshauptstadt, das groteske Jahr 2020 zu rekapitulieren. Im zweiten Teil berichtete er über seinen eigenen Arbeitsalltag, der sich aufgrund der Pandemie schlagartig verändert hatte und im ersten Teil unserer Reihe interviewte unser Gastautor den Besitzer der Cocktailbar „Spiritus“, Tobias Petri, und erfuhr Spannendes über dessen Erfahrungen mit den Folgen der Corona-Pandemie.