Monatelang wurde gebuddelt, gebaggert und geschuftet. Bei strömendem Regen im Frühjahr und bei 37 Grad im Sommer – das Baustellenteam unter Leitung von Matthias Weitzel gab mächtig Gas. Wir haben vom ersten Tag an über das Großprojekt vor unserer Haustür berichtet. Nun ziehen die Mainzer Verkehrsdezernentin Kathrin Eder und Baustellenleiter Weitzel im Interview mit uns Resümee zu einem der komplexesten Bauvorhaben unserer Stadt.

Sparkasse Mainz: Frau Eder, die Bahnhofstraße ist eine „Einfallstraße“, die vom Bahnhof für viele Pendler als Tor in die Innenstadt fungiert, gleichzeitig aber auch eine der wichtigsten Verkehrsachsen für den öffentlichen Nahverkehr, da hier viele Bus- und Straßenbahnlinien fahren. Welche Herausforderungen bringt es mit sich, den Mobilitätsfluss weitestgehend aufrecht zu erhalten?

Frau Eder: Tatsächlich ist die Bahnhofstraße die Hauptschlagader des Mainzer ÖPNVs. Insbesondere der Wegfall der Straßenbahnlinien stellte für die Mainzer Verkehrsgesellschaft eine enorme Herausforderung dar, denn für den Schienenersatzverkehr mit Bussen wird deutlich mehr Personal benötigt.
Aber insbesondere die Nutzerinnen und Nutzer des ÖPNVs waren von den Umleitungen der vielen Bus- und Bahnlinien betroffen und mussten sich des Öfteren auf neue Linienführungen und verlegte Haltestellen einstellen. Wir freuen uns alle darauf, dass ab dem 30.09.2017 die Straßenbahnen wieder ihre gewohnte Strecke aufnehmen können. Dank des deutlich größeren Fußgängerbereichs wird sich auch der Komfort für die wartenden Fahrgäste deutlich erhöhen.

Sparkasse Mainz: Während der Bauphase konnte man beobachten, dass die Baustelle zu einem großen Teil für Fußgänger frei zugänglich war und nur die Bereiche abgesperrt wurden, in denen jeweils aktuell gearbeitet wurde. Die täglich wechselnden Wegführungen waren mit entsprechend hohem Aufwand verbunden. Hat sich dieses Konzept aus Ihrer Sicht bewährt?

Herr Weitzel: Natürlich war es eine Herausforderung, täglich große Fußgängerströme durch eine Baustelle zu leiten, auf der mit schwerem Gerät gearbeitet wird und bis zu 4,5 Meter tiefe Baugruben ausgehoben werden. Für die Stadt ist es jedoch von großer Bedeutung, dass die Auswirkungen für die Anlieger und Gewerbetreibenden möglichst gering gehalten werden. Daher haben wir uns für diese sicherlich nicht ganz einfache Baustellenvariante entschieden. Es waren täglich eigens für diese Aufgabe drei Mitarbeiter beschäftigt, die Fußgänger und Radfahrer durch die Großbaustelle gelotst haben. Das haben wir gerne getan und das Konzept hat sich aus unserer Sicht bewährt.

Sparkasse Mainz: Eine Baustelle dieser Größe bringt in baulicher Hinsicht fast immer unvorhersehbare Schwierigkeiten mit sich. Welche waren es hier und wie sind Sie damit umgegangen?

Herr Weitzel: Tiefbaumaßnahmen in Großstädten stecken immer voller Überraschungen – insbesondere im seit 2.000 Jahren besiedelten Mainz. Die Bahnhofstraße ist nicht nur die zentrale ÖPNV-Achse der Stadt, hier verlaufen auch etliche wichtige Versorgungsleitungen, die im Zuge des Umbaus ebenfalls erneuert wurden. Leider wurde in früheren Zeiten die Lage von Leitungen nicht genau oder gar nicht verzeichnet. Wir sind daher oft auf Leitungen gestoßen, deren Inhaber und Funktion erst noch ermittelt werden musste, bevor sie entfernt oder verlegt werden konnten. Wir sind stolz, dass wir trotz täglich neuer Herausforderungen den Zeitplan exakt einhalten konnten.

Sparkasse Mainz: Auch wenn Anlieger und Bewohner der umliegenden Häuser letztendlich mit einer schönen, neugestalteten Straße belohnt werden – die Bauphase hat auch Beeinträchtigungen mit sich gebracht. Wie waren die Reaktionen der Betroffenen?

Herr Weitzel: Bei allen direkt von der Baustelle betroffenen Gewerbetreibenden habe ich mich vor Baubeginn vorgestellt und für Notfälle bzw. sonstige mit der Baustelle verbundenen Anliegen eine Visitenkarte hinterlassen. Ich habe immer sofern es möglich war, versucht die Anlieger über eventuelle Beeinträchtigungen, sei es Anfahrbarkeit von Hinterhöfen, Parkdecks, Materiallieferungen usw. rechtzeitig zu informieren. Nicht alle Beeinträchtigungen konnten wir vorab rechtzeitig mitteilen. Trotzdem gab es auch hier keine Beschwerden in diesem Sinne. In solchen Fällen wurde die Problematik telefonisch besprochen und versucht bestehende Behinderungen schnellstmöglich zu beseitigen. Nach fast vollendeter Bauzeit kann man eigentlich jetzt schon sagen, dass die Zusammenarbeit mit allen Anliegern und Gewerbetreibenden sehr gut gelaufen ist. Trotz der langen und erheblichen Beeinträchtigungen gab es während der gesamten Bauzeit keine wirklichen Beschwerden.

Sparkasse Mainz: Der Entwurf der Landschaftsarchitekten Bierbaum.Aichele gibt der Bahnhofstraße ein modernes Aussehen und verändert den Charakter der Straße eher hin zu dem einer Fußgängerzone. Welche spezifischen Herausforderungen brachte der Entwurf der Landschaftsarchitekten mit sich?

Frau Eder: Die Straße erhält einen völlig neuen Charakter. Bislang war die Bahnhofstraße alles andere als attraktiv: Die Stadt empfing ihre Besucher auf dem Weg zur Innenstadt mit einer kühlen, heruntergekommenen Durchfahrtsstraße, die nicht gerade zum Verweilen einlud. Der 8 Meter Breite Fußgängerbereich macht das Flanieren dagegen wieder attraktiv und knüpft damit an die ursprüngliche Bedeutung des Straßenzugs an. Um für die Passanten Platz zu gewinnen mussten aber die Schienenwege verschoben werden, was wiederum die Verlegung etlicher Leitungen notwendig machte. Teilweise musste sogar der Untergrund unter der neuen Gleistrasse ausgetauscht werden, da das vorhandene Material nicht genügend tragfähig war.
Wer nun jedoch die neue großzügige Wegeführung erlebt, sieht, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Sparkasse Mainz: Der Zeitplan der Baustelle wurde weitgehend sehr genau eingehalten. Wird es dabei bleiben? Und wann werden die Mainzerinnen und Mainzer die neugestaltete Bahnhofstraße in voller Pracht erleben, inklusive der Bepflanzung?

Frau Eder: Die neue ÖPNV-Trasse und der breite Fußgängerbereich werden pünktlich zu den Feierlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit fertiggestellt. Danach erfolgen, wie von Anfang an angekündigt, noch Restarbeiten entlang des Münsterplatzes. Dort wird im Frühjahr noch ein sogenanntes Flugdach inklusive einer Toilettenanlage errichtet. Ende Oktober/Anfang November erfolgen die Baumpflanzungen. Die volle Pracht entfaltet die neugestaltete Bahnhofstraße sicherlich, wenn diese Bäume im Frühjahr austreiben.

Sparkasse Mainz: Frau Eder, Herr Weitzel vielen Dank für das Interview.