Was ist für die Geldanleger von der Corona-Krise zu halten?

Eine Einschätzung von Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

Was für eine Dramaturgie: Die Kapitalmarktergebnisse des Jahres 2019 waren noch sehr erfreulich. Die Weltwirtschaft war gegen Ende des Jahres 2019 dabei, sich vom Schock der Handelsbeschränkungen insbesondere durch die USA und China zu erholen. Die Folge waren deutlich steigende Aktienkurse und gute Dividendenergebnisse der Unternehmen.

Dann kam das Virus. Solange Corona weit weg war, glaubte man sich dagegen immun. Bis auf eine kurze Irritation Ende Januar nahm die Börse keine Notiz von der neuen Krankheit, die seltsame Eigenschaften aufzuweisen schien: Für die allermeisten ganz harmlos, für einen geringen, aber nicht bekannten Prozentsatz der Infizierten jedoch schwerwiegend und zu einem noch geringeren, aber ebenfalls nicht bekannten Prozentsatz tödlich. Erst mit dem Überschwappen nach Europa wurde eine weitere Eigenschaft des SARS-CoV-2-Virus, wie es nun offiziell hieß, deutlich, nämlich seine extreme Ansteckungsfähigkeit und damit eine äußerst leichte und schnelle Verbreitung.

Viele Menschen hierzulande haben die Entwicklung lange Zeit nicht so richtig ernst genommen, da es doch eigentlich „nur eine Grippe“ war. Bis sich schließlich die Mathematik der Virologen durchsetzte, die ausrechneten, wie sehr das Gesundheitssystem durch die schnelle Ausbreitung der Krankheit überlastet sein würde. Seitdem wurden auch in Europa die Maßnahmen drastischer, zunächst in Italien, dann in allen anderen befallenen Ländern. Weltweit hatten Mitte März über 170 Länder Corona-Fälle gemeldet.

Damit ließ sich auch an den Aktienmärkten die  Unbesorgtheit nicht mehr halten. Während man bislang lediglich die Effekte der Einschränkungen bei den weltweiten Produktionsketten eingerechnet hatte, kam jetzt die Aussicht auf wirtschaftliche Beschränkungen bis hin zur Schließung kompletter Sektoren auf die Europäische Union und auf die USA zu. Aus einem weltweiten Aufschwung wurde in wenigen Tagen die Erkenntnis eines vorübergehenden tiefen Wirtschaftseinbruchs. Kein Ereignis in der modernen Wirtschaftsgeschichte hat zu Friedenszeiten den Konjunkturausblick für die gesamte Weltwirtschaft in so kurzer Zeit derart komplett gedreht. Dies ging mit deutlichen Kursverlusten an den Aktienmärkten einher, die binnen Tagen 20 Prozent und mehr erreichten, freilich von den unmittelbar vorher noch erreichten neuen historischen Höchstständen aus.

Wie geht es weiter? Es gibt mittlerweile weltweit einen Fahrplan zum Umgang mit der Corona-Pandemie, den die Länder mit unterschiedlicher Intensität befolgen. Danach dienen zunächst sehr strikte Maßnahmen der gesellschaftlichen Abgrenzung für einige Wochen dazu, die sprunghafte Ausbreitung der Krankheit in den Griff zu bekommen. Im Zuge dessen werden viele kleine Maßnahmen ergriffen, um die Rückkehr des Virus so lange zu verhindern oder zumindest zu kontrollieren, bis ein Gegenmittel entwickelt wurde. Diese Strategien sind in China, Süd-Korea und Taiwan sehr erfolgreich gewesen, selbst wenn auch dort hart um diese Erfolge gerungen werden musste. Es gibt gute Aussichten, dass dies auch hierzulande gelingen wird. Damit kann sich das wirtschaftliche Leben im Jahresverlauf Schritt für Schritt wieder erholen. In der Zwischenzeit bietet die Gemeinschaft hohe Mittel auf, um Unternehmen und Arbeitsplätze zu schützen. Es wird nicht jeder Arbeitsplatz und nicht jedes Unternehmen erhalten bleiben können, aber ausreichend viele, sodass die Wirtschaft diesen Rückschlag überwinden wird, wie sie auch andere schwierige Phasen in den vergangenen Jahrzehnten überstanden hat.

Viele von Ihnen, die entweder regelmäßig in Aktien sparen oder in den vergangenen Jahren mit Einmalinvestitionen Aktienfonds erworben haben, fragen sich nach den Konsequenzen der Corona-Krise für Ihre Anlagen. In der Momentaufnahme der Krise sehen die Dinge oft betrüblich aus. Aber die Aktienanlage ist eine langfristige Anlage. In der Vergangenheit sind solche Rückschläge immer wieder vorgekommen, etwa in der Golfkrise 1990, in der Technologiekrise 2001 oder in der Finanzkrise 2008. Und doch war die Aktie in den letzten Jahrzehnten die renditestärkste Anlageform. Der Grund liegt darin, dass solche Rückschläge in den folgenden Jahren stets mehr als ausgeglichen wurden. Das wird auch in Zukunft so sein. Langfristig streben die Aktienmärkte – unter Schwankungen und Rückschlägen – aufwärts, solange die Weltwirtschaft über die Jahre hinweg weiter wächst. Auch nach der Corona-Krise wird die Weltwirtschaft wieder auf ihren Wachstumspfad zurückfinden. Die Märkte werden die Kursrückgänge aufholen, selbst wenn dies nicht gleich innerhalb von wenigen Wochen geschieht. Nur für diejenigen Anleger, die sich im Kursabschwung von ihren Aktien trennen, werden Verluste zur Realität. An dieser Stelle zeigen sich die Vorteile einer breit gestreuten Wertpapieranlage: Wer jetzt in einzelnen Titeln investiert ist, muss jeweils im Einzelfall sorgfältig abschätzen, ob das betreffende Unternehmen diese Krise überhaupt übersteht und wie schwer das Geschäftsmodell oder die Bilanz für die Zukunft geschwächt sind. Bei Aktienfonds ist das die Aufgabe der Fondsmanager, die bereits jetzt die Portfolien mit Blick auf die aktuelle Entwicklung umstrukturieren. Die breite Streuung lässt die Sorge vor einzelnen Firmeninsolvenzen überflüssig werden. Im Gesamtmarkt wird die Erholung über kurz oder lang stattfinden.

Und noch etwas wird die Corona-Krise nicht ändern: Die Zinsen bleiben verschwunden. Vielmehr haben die Notenbanken in dieser Lage das Zinsniveau noch weiter nach unten gesenkt und durch viele weitere Maßnahmen noch fester verankert. Außerdem stellen die Zentralbanken hohe Summen an Liquidität bereit, von denen ein Teil wieder am Aktienmarkt landen und dort die beginnende Aufwärtsbewegung stützen dürfte. Für den langfristigen Aktienanleger ist daher eine Änderung der bisherigen Strategie aufgrund der Corona-Krise nicht anzuraten. Bislang für sinnvoll befundene Aktienanteile und Sparpläne sind und bleiben sinnvoll.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO findet eine Pandemie alle 60 Jahre statt. Das ist ein schlechter Trost für alle, die sich in der gegenwärtigen Zeit großen Herausforderungen und Sorgen gegenübersehen. Die positive Nachricht lautet jedoch, dass Wirtschaft und Gesellschaft in der Vergangenheit schon oft solche Belastungen überstanden haben. Dies wird auch in diesem Fall geschehen.

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