„Gemeinsame Erlebnisse kann Pay-TV nicht ersetzen“ – Ein Gespräch mit Unterhaus-Intendant Stephan Denzer

Mainzer Kreativwirtschaft trotzt der Corona-Krise #5

© Musikmaschine/ Unterhaus/ ZDF

Moritz Eisenach (ME): Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit uns über die Situation im Unterhaus zu sprechen. Sie wurden schon als „Comedy-Genie“ bezeichnet und auch die Ausrichtung Ihres Programms im Mainzer Unterhaus soll stets humorvoll und lustig sein. Im vergangenen Jahr gab es für die Kulturbranche leider wenig zu lachen, aber da Humor sich ja nicht unterkriegen lässt: Was war der beste Witz, den Sie im Jahr 2020 gehört haben?

Stephan Denzer (SD): 2020 war das erste Jahr, in dem ich weniger oft draußen war als meine Mülltonne.

ME: Sehr gut, der gefällt mir auch. Der Erzählende zielt auf seine eigene Situation ab und lässt somit Selbstironie und -reflexion zum Momentum des Witzes werden. Als Programmchef im Unterhaus bekommen Sie in den Künstlerbewerbungen sicher häufig auch weniger gute Jokes zu hören. Was war denn der schlechteste Witz, den Sie im Jahr 2020 gehört haben?

SD: Was machen die Hersteller von Desinfektionsmitteln in Corona-Zeiten? Sie reiben sich die Hände!

ME:Ok, hier geht es meiner Ansicht nach um einen Neidaspekt und um die Diskreditierung einer bestimmten Branche. Dieses Bashing gefällt mir nicht so gut, trotz des kleinen Wortspiels. Eher nichts zum Lachen. Allerdings haben beide Witze vermutlich eine traurige Gemeinsamkeit, denn sie wurden wahrscheinlich nicht von Akteuren auf einer Bühne erzählt, oder?

SD:Nein, nicht mal im Autokino.

ME:Wie sehr fehlt Ihnen die „Bühnensituation“, die Sie seit Jahren immer wieder für Künstler kreieren?

SD:Uns fehlen Publikum und Künstler sehr. Es ist, als würde man versuchen, ohne Fußball an den Ball zu treten. Die ganze Zeit über gibt es zwar Förderanträge und Verlegungstermine zu bejubeln. Aber leider so gut wie keine Shows.

ME:Das klingt wenigstens nach einer funktionierenden staatlichen Unterstützung. Wie bewerten Sie die staatlichen Förderprogramme auf kommunaler, Landes- und Bundesebene? Sind diese für das Unterhaus nutzbar und funktional?

SD:Sie haben uns das Überleben gesichert. Wir sind dafür dankbar.

ME:Das ist erfreulich und nährt die Hoffnung, dass wir auch nach dem Ende der Pandemie wieder hochwertiges Programm im Unterhaus beklatschen können werden. Wie haben Sie persönlich denn den Beginn der Krise erlebt? Wo waren Sie, als Sie vom ersten Lockdown im März 2020 erfahren haben?

SD:Gerade im Urlaub und dankbar dafür, wieder zurückgeholt zu werden.

ME:Gut, dass das funktioniert hat. Was waren anschließend Ihre ersten Gedanken und Aktionen?

SD:Wie machen wir was richtig? Was ist unsere Strategie für die nächsten Wochen und Monate. Wir haben mehrere Online-Projekte entwickelt und uns auf Workshops und Entwicklungsarbeit konzentriert.

ME:Sie konnten also Teile Ihres Programms retten?

SD:Ja. Da wir Verträge mit vielen Künstlern bereits hatten, wurden die verschoben.

ME:Haben Sie vielleicht sogar neue Spielflächen / -orte gefunden, die ohne die Pandemie nicht zu eröffnen gewesen wären?

SD:Uns ist es gelungen, mit dem alten Postlager eine neue Spielstätte zu finden, wir haben aber auch mit dem Frankfurter Hof, dem Autokino, der Zitadelle oder den Kulturgärten zusammengearbeitet.

ME:Dafür war sicher viel Offenheit bei allen Beteiligten nötig. Das könnte man als ein Zeichen von Solidarität in der Krisensituation interpretieren? Wie würden Sie das einschätzen? Halten wir in der Kulturbranche momentan stärker zusammen?

SD:Ja. Nach meinem Eindruck ist das so. Das spürt man an der Art der Kommunikation und daran, dass es eine Bereitschaft gibt, sich mit dem was möglich ist, zu unterstützen.

ME:Wie viele Akteure hat auch das Unterhaus während der Lockdown-Phasen Remote- oder Hybrid-Shows veranstaltet. Wie waren Ihre Erfahrungen damit?

SD:Wir haben eigene Online-Formate kreiert und die sind ganz unterschiedlich gelaufen. Am Anfang gab es noch ein reges Interesse, das hat aber auch zwischenzeitlich nachgelassen.

ME:Sie haben im Sommer 2020 ein sehr umfangreiches Programm für die Saison im Herbst / Winter 2020/21 angekündigt. Viele waren verwundert, weil ein weiterer Lockdown zumindest möglich schien. Wieso haben Sie sich damals so entschieden?

SD:Auch wenn wir von diesem Programm nur wenig spielen konnten, war es wichtig, Präsenz zu zeigen. Es gab Künstler, die sind vor acht, neun Leuten aufgetreten und trotzdem war es für die Gäste ein sehr gelungener Abend. Ich habe einen großen Respekt vor Künstlern, die auch in so schweren Zeiten für das Publikum spielen wollen und habe die Entscheidung deshalb nicht bereut.

ME:Meinen Respekt haben Sie! Und nun? Jetzt kommt die nächste Frühjahr- / Sommer-Saison, vor der einerseits diverse Ideen zur modellhaften Lockerung diskutiert werden, die aber andererseits in den Beginn der dritten Infektionswelle hineinfällt. Haben Sie Pläne und wie zuversichtlich sind Sie, dass es dieses Mal auch wirklich zu Veranstaltungen kommt?

SD:Unser Programm steht bis in den Juni hinein, es ist als Programmheft und im Netz verfügbar. Wir werden so früh wie möglich öffnen und alles geben, um für unser Publikum und die Künstler wieder da sein zu können.

ME:Wie sieht ihr Hygiene-Konzept aus?

SD:Wir machen das, was in den Corona-Schutzbestimmungen gefordert wird und mittlerweile schon für viele zur Gewohnheit wurde. Da es immer ja vom Inzidenzwert abhängt, kann ich die Frage nicht genauer beantworten.

ME:Welche Perspektiven und Erkenntnisse sehen Sie für die Kulturbranche insgesamt und in Mainz? Gibt es Dinge die wir kollektiv gelernt haben (sollten)?

SD:Ich hoffe, uns ist der Wert von Kleinkunst und einem humorvollen Abend in einer Gemeinschaft wieder bewusstgeworden. Wir sind als Menschen soziale Wesen und brauchen gemeinsame Erlebnisse mit Anderen. Das kann kein Pay-TV-Abo ersetzen.

Zur Person Stephan Denzer

Mainzer Kreativwirtschaft trotzt der Corona-Krise #5

Stephan Denzer © ZDF

Alter: 53
Herkunft: Kaiserslautern
Weg ins Unterhaus: Studium JGU, ARTE, ZDF, Unterhaus
Hobbies: Yoga, Reisen, Comedy-Serien und Sitcoms
Anliegen und Vorhaben in der Mainzer Kreativszene: Neue Impulse im Bereich von Kabarett, Comedy und Kleinkunst. Aufbau einer Comedy-Community mit Spielern, Autoren, Realisatoren und Mediengestaltern. Aufbau einer WEB-basierten Mainzer Comedy-Szene.

Hintergrund

Die Corona-Pandemie ist für die globale Gesellschaft ein Schock und eine große Herausforderung. Manche Unternehmen haben zwar Glück und profitieren aus der plötzlich aufgetretenen Krise, aber die meisten sind unverschuldet und einigermaßen hilflos mindestens in die Nähe der Insolvenz geschleudert worden. Die Veranstaltungsbranche und viele weitere Teile der Kreativwirtschaft sind besonders betroffen, da es für diese Geschäftsmodelle oft notwendig ist, sich mit anderen zu treffen und in Kontakt zu kommen – und genau dies ist jetzt nicht möglich. Für eine kreative und junge Stadt wie Mainz ist diese Branche überlebenswichtig, daher soll nun ein Blick hinter die Kulissen der hiesigen Kultur- und Kreativszene zeigen, wie die Mainzer Veranstalter, Künstler und Gastronomen mit der Pandemie umgehen und den neuen Widrigkeiten trotzen.

Der fünfte Teil unserer Reihe zur Kreativwirtschaft in Mainz führt unseren Gastautoren Moritz Eisenach ins Unterhaus, wo er im Gespräch mit Intendant Stephan Denzer dessen Erlebnisse in der Pandemie Revue passieren lässt. Der vierte Teil beschäftigte sich mit dem soziokulturellen Phänomen einer „lebendigen Musikszene“, wobei die Initiatorin der Lobbygruppe „musikszene mainz“, Nora Weisbrod, Impulse, Einblicke und Gedanken um den Zustand und die Zukunft der Szene preisgab. Im dritten Teil versuchte Eisenach im Gespräch mit drei vielversprechenden Musikertalenten Hanne Kah, LIN und Sinu aus der Landeshauptstadt, das groteske Jahr 2020 zu rekapitulieren. Im zweiten Teil berichtete er über seinen eigenen Arbeitsalltag, der sich aufgrund der Pandemie schlagartig verändert hatte und im ersten Teil unserer Reihe interviewte unser Gastautor den Besitzer der Cocktailbar „Spiritus“, Tobias Petri, und erfuhr Spannendes über dessen Erfahrungen mit den Folgen der Corona-Pandemie.

Tobias Petri, Betreiber der Spiritus Bar in Mainz

Tobias Petri, Inhaber der Spiritus Bar, © Diana Walaszek

Inside Musikmaschine

©Musikmaschine

Ein Szenebericht über Musiker im Schwebezustand

Sinu by © Kathrin Leisch – Hanne Kah by © Wituka – LIN by © sandra Ludewig

Nora Weisbrod

Nora Weisbrod