Europa rückt ins Zentrum der Corona-Infektionswelle

Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft DekaBank

Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft DekaBank

Die Corona-Neuinfektionen in Europa und USA nehmen deutlich zu, während die Zahlen in China stark gesunken sind. Die Industrieländer sind damit ins Zentrum der Krise gerückt. Die Probleme für die Volkswirtschaften in Europa und Nordamerika gehen jetzt über Lieferengpässe aufgrund der Produktionsausfälle in China weit hinaus: Die Verbraucher sind verunsichert, was sich insbesondere im Einzelhandel, bei Reisen, Veranstaltungen, Restaurantbesuchen und Hotelübernachtungen negativ niederschlägt. Die Unternehmen werden in vielen Fällen geplante Investitionen verschieben. Die bislang verhängten Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie dürften eher noch verschärft werden, wie das Beispiel Italien zeigt. Wochenlange faktische Ausgangssperren dürften aber regionale Ausnahmen bleiben. Der weitere Verlauf der Epidemie, die mittlerweile von der Weltgesundheitsorganisation WHO als weltweite Bedrohung und daher als Pandemie eingestuft wird, ist schwer zu prognostizieren. Wir erwarten allerdings, dass in Europa ähnlich wie in China die Anzahl der Neuinfektionen bald zurückgehen wird und damit der Druck auf Finanzmärkte und Wirtschaft langsam nachlässt. In den USA ist zeitversetzt mit einem ähnlichen Verlauf von Ausbreitung und Eindämmung zu rechnen. Vor dem Hintergrund, dass der Virus in kürzester Zeit die ganze Welt erobert hat, haben wir unseren volkswirtschaftlichen Ausblick überarbeitet und werden in den kommenden Tagen unsere revidierten Wachstums- und Kapital-marktprognosen veröffentlichen. Es ist davon auszugehen, dass die Corona-Infektionen und deren Auswirkungen die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession führen werden. Viele einzelne Länder wie Japan, Italien, Frankreich und wahrscheinlich auch Deutschland sind bereits in eine Rezession gerutscht. Die Belastungen sollten sich aber auf die erste Jahreshälfte 2020 konzentrieren, daran dürfte sich eine kräftige Erholung anschließen.

Finanzmärkte stark verunsichert

Auch wenn die Pandemie zeitlich begrenzt sein wird, die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen werden erheblich sein. Zahlreiche Unternehmen mussten bereits Umsatzwarnungen aussprechen. Die Unternehmensgewinne im ersten und zweiten Quartal werden durch die Corona-Effekte stark belastet sein, und auch im Gesamtjahr werden sich die Gewinne der Unternehmen deutlich schwächer entwickeln als noch zum Jahresanfang angenommen. Es drohen überdies vereinzelte Unternehmensinsolvenzen und steigende Arbeitslosigkeit. Die Regierungen haben zwar Hilfen zugesagt, doch es wird sich noch zeigen müssen, ob diese ausreichend und wirksam sind. Auch die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank haben bereits Maßnahmen beschlossen, um die negativen Auswirkungen der Pandemie zu begrenzen. Die Finanzmärkte zeigen sich dennoch stark verunsichert. Die Aktienkurse sind deutlich gefallen. Investoren suchen den sicheren Hafen von Staatsanleihen bester Bonität, sodass deren Renditen nochmals gesunken sind. Regierungen und Zentralbanken ist es bislang nicht gelungen, durch Hilfszusagen und eine geldpolitische Lockerung für neue Zuversicht an den Märkten zu sorgen.

Fundamente der Weltwirtschaft bleiben stabil

Letztendlich wird aber auch diese Krise den gleichen Verlauf nehmen wie all die Krisen der vergangenen Jahrzehnte: Auf Panik folgt früher oder später erste Hoffnung, dann Erleichterung und schließlich eine durchgreifende Erholung. Insofern ist gerade in solch einer Situation für die Anleger in erster Linie Gelassenheit angesagt. Zum jetzigen Zeitpunkt Wertpapiere zu verkaufen, ist keine sinnvolle Reaktion. Denn erst durch einen Verkauf wird der massive Bewertungsrückgang im Portfolio zum realisierten Vermögensverlust. Vielmehr ist die gegenwärtige Phase erfahrungsgemäß ein guter Zeitpunkt für den zeitlich gestaffelten Aufbau von Aktienpositionen. In der Vergangenheit wurde in solchen ausgeprägten Marktschwächephasen stets die Saat für eine gute Renditeentwicklung in den Folgejahren gelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Ansteckungen und die wirtschaftlichen Belastungen soweit nachlassen, dass dann eine Erholung an den Finanzmärkten und beim Wachstum einsetzen wird. Dies dürfte unserer Einschätzung zufolge in der zweiten Jahreshälfte der Fall sein. Breit diversifizierte Anlageportfolien sind auf die langfristige Geldanlage ausgerichtet. Und deren Basis bleibt bestehen: Am langfristigen trendmäßigen Aufwärtspfad der Weltwirtschaft kann eine solche Krise nicht rütteln. D.h. nach einer Beruhigung der Infektionswelle wird sich an den Aktienmärkten und Anleihemärkten schnell wieder die Einsicht durchsetzen, dass in einer wachsenden Weltwirtschaft die Gewinne steigen und die meisten Unternehmen und Emerging Markets ihre Schulden bedienen können, die Kurse werden sich erholen. Aber die Anleger in Deutschland brauchen jetzt Geduld und einen deutlich längeren Atem als noch vor einigen Wochen angenommen.