Dr. Ulrich Kater

Chefsvolkswirt der DekaBank, Dr. Ulrich Kater

Drei Fragen an Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank

Herr Dr. Kater, die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet einen beispiellosen Konjunktureinbruch. Wie sehr wird es uns treffen?

„Die Erholung hat im Mai begonnen, und nach zweistelligen Einbruchsraten bei vielen wirtschaftlichen Indikatoren werden wir in den kommenden Monaten auch zweistellige Zuwachsraten erleben. Die Probleme werden umso deutlicher, je mehr sich die Wirtschaft dem Produktionsniveau von vor Corona nähert. Auf den letzten Metern wird es schwierig, weil eine Reihe von Branchen (Reisen, Einzelhandel, Veranstaltungen) noch bis weit ins kommende Jahr unter gravierenden Einschränkungen leiden werden. Die Konsumenten wachen zwar gerade aus den Corona-Starre auf, aber entscheidend wird sein, dass sie wieder vollständig fit werden.“

Der Deutsche Aktienindex (DAX) hat von Mitte Februar bis heute eine rasante Berg- und Talfahrt hingelegt. Hat der DAX die Krise wirklich „verdaut“?

„Eine Aktie bewertet sich nicht nach der gegenwärtigen Wirtschaftslage, sondern nach den Aussichten für Unternehmen und Gewinne über die nächsten zehn Jahre. Und da ist es insbesondere wichtig, ob wir durch Corona eine jahrelange Depression fallen oder ob der Spuk nach etwa einem Jahr vorbei ist. Gegenwärtig setzen die Aktienmärkte auf Letzteres. Dieses Szenario ist ja auch nicht unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass die Corona-Krise bisher nicht auch das Finanzsystem infiziert hat. Die Erleichterung darüber beflügele ebenfalls die Märkte.

Die Aktienkurse klettern wieder nach oben und in der Realwirtschaft herrscht eine beispiellose Krise. Wie passt das zusammen?

„Die Corona-Strategie der Regierungen geht anscheinend auf, und die Wirtschaft kann langsam wieder hochfahren. Die Anleger an den Börsen rechnen damit, dass sich die Wirtschaft erholt und die Unternehmen bald wieder Gewinne schreiben werden. Denn die Misere der Gegenwart ist nur das eine. Viel wichtiger an der Börse ist häufig, was die Zukunft erwarten lässt. Und hier sind die Börsianer optimistischer als noch vor wenigen Wochen.“